Die letzten Kilometer


04.07.2017

Wischnipur

14:08 Uhr

Wetter: Sonnig (wieder), aber nicht zu heiß

 

Liebes Logbuch,

 

es wurden aufgrund der Spotsuche dann doch noch 18 Kilometer Luftlinie. Ich fand eine extrem schöne Weide, mit weichem Gras. Relativ zügig begab ich mich zu Bette. Ich war so erschöpft und fertig von der Tortur, dass ich mir die Tränen verkneifen musste. In einer Art Trance redete ich mit Gott und dem Teufel. Merkwürdige Schatten-Licht-Wechsel spielten sich auf der Leinwand der Straße vor meinen Augen ab. Als führten die beiden einen Kampf um meine Seele. Letzten Endes gewann das Licht und die Dunkelheit war wie weggeblasen.

 

Am nächsten Tag erwachte ich um ca. 13:00 Uhr, aufgrund mehrerer Platscher. Irgendwelchen Drecksvögeln machte es wohl Spaß vom Baum herab mein Zelt zu verscheißen. Ich schüttelte den Kopf und frühstückte erst mal das Rosinen-Früchte-Brot, das ich beim Kauf für etwas anderes gehalten hatte und las dann 50 Seiten aus „The Seventh Scroll“. Das Buch war hektisch geschrieben und langweilte mich. Ich widmete mich also Polytopia bis es Abend wurde.

 

Die Ruhepause hatte mir gutgetan. Ich war erholt und guter Dinge. Sekundärziel war Pont-Audemer. Eine größere Stadt 20 Kilometer Luftlinie entfernt. Primärziel war der Erwerb von Fressalien. Ich hatte absolut nichts mehr. Das letzte bisschen Brot ging zur Mittagszeit aus. Auf dem Weg hinterließ ich Freunden und Verwandten Sprachnachrichten, während ich den steilsten Berg aller Zeiten hinabschlitterte und beinahe in einen riesigen Pferdestuhlgang stolperte. Zum Glück warnten mich die 2000 aufgescheuchten Fliegen, die sich darauf niedergelassen hatten. Die Dörfer kamen und gingen, doch eine Boulangerie war nirgends in Sicht. Mein Sekundär- und Primärziel schienen ein und dasselbe zu sein. Ich erreichte mit leeren Wasserflaschen und babtrockenem Mund endlich, nach einer kleinen Abkürzung an der Schnellstraße entlang, Pont-Audemer. Ich ließ mich mal wieder von einer McDonalds Werbung täuschen und orderte mir einen „Signature“, der so bescheiden wie alle anderen Burger schmeckte. Zumindest war der halbe Liter Eistee fresh. Nebenan kaufte ich im Intermarché ein. Bester Laden. Da das Hansaplast aus der Apotheke nicht für die offenen Schürfwunden zwischen Sack und Oberschenkel geeignet war (mir klebt immer noch der Scheiß in den Sackhaaren), probierte ich es mit Flüssigpflastern. Außerdem mussten heute Einlagen her. Beides befindet sich momentan in der Testphase. Es war 20:15 Uhr, als ich den Laden verließ. Es hatte zu Dämmern begonnen. Die Suche nach einem Schlafplatz dauerte bis 21:35 Uhr.

 

 

Stiftung Wandertest: Der Beste Schlafplatz: Offene Weide

 

- Eingezäunt (keine Wildschweine)

- Flaches Gras

- Nicht in Menschennähe

- Meistens Schattenplätze

 

Ich schickte Jerome noch eine Sprachnachricht, trank Pelforth, schrieb mit Jessie, der Familie und Tromml, dessen Zustand miserabel war. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass er die Reise wohl nicht mehr antreten konnte. Eine mögliche Vertretung war Magnum. Auch er hatte schlechte News. Seine Afrika-Reise ist ins Wasser gefallen. Zudem ist sein Vater schwer krank geworden. Jessies Vater lag ebenfalls im Krankenhaus… Das Älterwerden macht sich an so machen Tagen und Wochen eben doch bemerkbar. Wir fressen, rauchen, saufen und wenn uns der Dreck einholt sagen wir: „Das war es wert.“ Vielleicht sind die meisten Suchtkranken einfach nur zu feige, um sich einen Revolver in den Mund zu stecken und abzudrücken.

 

Das Zelt lag abschüssig. Die Nacht war daher eher unentspannt. Doch irgendwann schläft man immer ein. Ich erwachte um 10:00 Uhr und war guter Dinge. Es war die letzte Etappe vor dem Erreichen der Nordsee. Ich speiste Babybell, Thunfischsalat und Brot und fetzte los. Mein Enthusiasmus schwand leicht, als die Etappe mit einem nicht zu verachtenden Berg begann. Auch die graue Wolkendecke war nach Tagen wieder etwas aufgebrochen und die Sonne lugte hier und da hinter den Wolken hervor.

 

Besonders hervorzuheben sind: BJORG Bio Fourrés Chocolat Noir

 

Ich erwartete zumindest das Meer vom Gipfel des Berges aus sehen zu können, doch Fehlanzeige. „Große Berge und nix dahinter“, murmelte ich. Bei meiner ersten Rast zog ich mir eine kleine Zecke aus dem Unterarm. Am Vortag hatte ich zwei oder drei weggeschnippst. Die Zeckenkontrollen müssen erhöht werden. Nun sitze ich an einer Bank mit Tisch, schreibe die Memoiren nieder und beschreite nun die letzten drei Kilometer bis zum Meer (Zwölf Kilometer bis Honfleur).