Der Jade Palast


01.07.2017

Wischnipur

18:17 Uhr

Wetter: Langsam wird es wieder sonnig

 

Liebes Logbuch,

 

ich muss erstmal was essen…

 

Liebes Logbuch,

 

ich hab sowas von keinen Bock. Meine Füße schmerzen extrem und ich bin müde. Hotelbetten sind mir einfach nicht rau genug.

 

Die Nacht auf der Weide war angenehm. Zwischendurch musste ich noch mal für kleine Kampftrinker und ließ meine Sachen einfach dort.

 

Oh, ein Hase ist gerade vorbei gehoppelt.

 

Der Langeweile halber zockte ich wieder Polytopia, bis tief in die Nacht. Ein bekackter Vogel schrie die ganze Zeit.

 

Die Route am nächsten Tag führte durch ein Waldstück bis nach Port Mort, wo ich einkaufte. Ab da ging es an der Seine entlang. Ich musste mir dringend ein Buch zulegen. Die Abende gestalteten sich immer unbefriedigender. Also schaute ich im Handy nach einem Buchladen, der mir einen Umweg von fünf Kilometern wert war. Es war ein Second-Hand Buchladen, der sehr alte Bücher auf Deutsch und auf Englisch im Regal stehen hatte. Das einzige Buch, das noch nicht zu Staub zerfallen oder in altdeutscher Schrift geschrieben war, nannte sich „The Seventh Scroll“. Schatzjäger und so. Na gut. Eine überteuerte SD-Karte für die Kamera fand ich im Handyladen daneben. Während eines Zwischenstopps rief ich Magnum an. Die Verbindung brach allerdings ständig ab, sodass telefonieren relativ stressig war. Ich erwartete eine Sprachnachricht, wie besprochen. Fertig passierte ich einen Friedhof, der von einer ebenen Wiese umgeben war, wo ich mich niederlies. Die nächtlichen Geräusche waren scheußlich. Es ging ein ordentlicher Wind. Ein ständiges Wimmern lag in der Luft, wie zur Geisterstunde. Ich versuchte schnell wieder einzuschlafen.

 

Morgens weckte mich ein Auto. Ein Bauarbeiter schien etwas zu verladen. Es war etwa neun Uhr. „Auch gut, wenigstens früh wach, wie ich es vorhatte.“ Der Tag würde lang werden. Ich hatte ein Hotel gebucht, das mehr als 30 Kilometer entfernt war und das es zu erreichen galt. Ich spurtete los. Der Weg führte durch ein abenteuerliches Waldstück, das hier und da mit umgefallenen Bäumen blockiert war, durch Heudebouville und Louviers, über Tostes bis ich endlich völlig fertig und mit schmerzenden Füßen in Elbeuf ankam. Der letzte Fußmarsch durch die Stadt schien ewig zu währen. Der Dönerladen hatte auch zu und das Loch im Bauch war so gigantisch, dass ich drei Bissen vom Walnussbrot nehmen musste. Es war 19:30 Uhr, als ich endlich an dem Haus in der Rue de la Résistance 21 ankam. Eine Klingel gab es nicht. Ich rief den Hausherren auf dem Handy an, der sogleich zur Tür herausspazierte. Ein äußerst freundlicher Herr führte mich in den ersten Stock, wo ein liebevoll eingerichtetes Zimmer inklusive Bad mit Raindropdusche bereit stand. „Besser als ein Hotel.“ Er empfahl mir auf meine Anfrage nach einem guten Restaurant. Den Jade Palast, in einem Kilometer Entfernung. Junge. Ich fraß einen Teller Fleisch, einen Teller Fisch, einen Teller Fleisch, einen Teller Nachspeise, einen Teller Fleisch und Fisch, einen Teller Nachspeise und trank dazu ein Heineken. Als ich nach nicht mal einer halben Stunde zur Schließung den Palast verließ war ich so vollgefressen, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Das Essen war unglaublich gut! Austern, Nuggets, Tandoori Spieße, Cocos-Teigwaren, roher Lachs, gebackene Äpfel, Früchte, Scampi, Nudeln, etc. Ich musste fast speien. Immer wieder spuckte ich Schaum aus, den mein Magen nach oben blubberte. Auf dem Nachhotelweg plauderte ich mit Jessie. Das Roaming wurde ja, Gott sei gesegnet, abgeschafft. Ich wusch noch meine Klamotten im Waschbecken und versuchte zu schlafen. Ich wälzte mich hin und her und gefühlte Stunden später schlief ich ein. „Hotelbetten sind mir einfach nicht rau genug.“

 

Um 09:30 Uhr klopfte mein Gastgeber und brachte Frühstück. Es war sehr nett alles. Als ich ihn nach einem Föhn für meine nicht fertig getrockneten Socken fragte, und er damit nicht dienen konnte, schenkte er mir neue. Ich bedankte mich, plauderte noch etwas und machte mich auf die Socken. Einkaufen war angesagt, auch für den darauffolgenden Sonntag. Der Marsch war zum Mäuse melken. Ich bin wie gesagt müde und Hotels machen faul. Unterwegs sah ich eine Hütte an einer Schnellstraße, mit drei entflohenen Hühnern. Ich rief ein paar Mal vergeblich nach dem Besitzer, doch die drei Wachhunde ließen ein Betreten des Terrains nicht zu. Obwohl sie goldig waren. Die Hühner spazierten gemütlich am Straßenrand entlang weiter. Ich dachte außerdem über das Schreiben eines Buches nach. “Der Schüler“ soll es heißen. Es psychisch gestörter, junger Mann, der zufällig auf die Spur eines Serienkillers stößt und dessen Schüler wird, um dem Tod zu entgehen. So. Jetzt suche ich mir ein Fleckchen Erde und zelte. 14 Kilometer Luftlinie reichen für heute, auch wenn es 20 sein sollten. Reelle 20 warens. Dreckstag.