Paris


27.06.2017

Wischnipur

12:18 Uhr

Wetter: Es könnte Regen geben, Angenehm

 

Liebes Logbuch,

 

bitte entschuldige, dass ich mich erst so spät zurückmelde. Es ist viel passiert und meine Aufmerksamkeit wurde dadurch voll in Anspruch genommen.

Die Grundschulkids wurden von ihren Eltern abgeholt und ich habe mich wieder in Bewegung gesetzt. Der Weg war, wie Tromml es formulieren würde, die pure Hölle. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel herab, während ich mich durch schattenlose Felder schlug. Zwischendurch machte ich ein Selfi-Video, damit Leute in ihren behüteten Heimen eine ungefähre Ahnung von den Strapazen haben würden, sollte ich eines Tages retournieren. Endlich erreichte ich triefnass ein Waldstück. Schatten. Aber auch Fliegen. Aber besser, als der prallen Sonne ausgesetzt zu sein. Dachte ich. Meine Erleichterung wandelte sich sehr schnell in einen bitterbösen Wutanfall um. Der Wald, mit seinen vielen Pfützen, war das reinste Fliegennest. Die Drecksviecher verfolgten mich eine geschlagene Stunde. Ich wusste nicht einmal ob es von Anfang an dieselben Drecksviecher waren, die mich verfolgten. Die purste Hölle! Als der Weg wieder breiter wurde, fadete das Summen in meinen Ohren langsam aus. „Urlaub, verfickte Scheiße! Ich brauche Urlaub!“ An einem Holzfällerlager begegnete ich einem Reh. Es ist tatsächlich so, dass Rehe einen nur sehen, wenn man sich bewegt. Wir begegneten uns noch zwei Mal im Laufe der nächsten zwei Kilometer. Das verbesserte meine Laune etwas. Als ich mit schmerzenden Füßen am Zielort angelangt war, musste ich mich erst einmal setzen. Was für ein scheiß Dreckstag. Ich suchte eine Apotheke auf, um meinen Magnesiumbestand aufzufüllen und um vielleicht telefonieren zu können. Gutes Magnesium gab es keins. Dafür ein Telefon. Doch Tromml war nicht erreichbar. Ich hatte die Befürchtung, dass Jessie mein Handy nicht finden würde, da es bei meinen Eltern in Grimmelfingen lag. Als ich nebenan Fressalien kaufte - es war 18 Uhr - blickte ich auf die Temperaturanzeige der Apotheke. 44 Grad. Um 18 Uhr. 44 Grad! Um 18 Uhr!? Ungläubig schüttelte ich den Kopf und lief zum Fluss zurück, um dort mein Zelt neben einer Baustelle aufzuschlagen. Die Hitze war irrsinnig. Ich wartete die Nacht ab, doch es wurde nicht kühler. Um 22 Uhr legte ich mich trotzdem ins Zelt. Es war widerlich. Doch die Müdigkeit obsiegte. Plötzlich hörte ich Jugendliche vor meinem Zelt reden. Ich versteckte mein Geld unter dem Zeltboden, schlüpfte wieder in meine Klamotten und ging raus, um eine zu rauchen. Präsenz wurde demonstriert. Ausrauben ließe ich mich nicht, Sakradi! Doch alles verlief ruhig und ich ging zurück in die Sauna.

 

Am Donnerstagmorgen weckte mich der Lärm der Baustellengeräte. Ich musste dringendst scheißen! In Rekordzeit war ich abmarschbereit und spurtete in das nächste Waldstück. Als mir zwei Schnaken entgegenflogen, sprühte ich mir vorsichtshalber den Arsch mit Antibrumm ein. „Man kann nicht ungestochen genug sein.“ Befreit lief ich erneut an den verdutzt dreinblickenden Bauarbeitern vorüber in Richtung Bahnhof. Ich hatte mich dazu entschlossen einen Tag früher nach Paris zu fahren. Gegen zehn Uhr saß ich im Zug und eine dreiviertel Stunde später erreichte ich es. Paris. Ein großes Ziel meiner Reise. Am Gare de l’est angekommen, suchte ich mit Hilfe des Navis das nächste Ibis Hotel auf. Der Preis für eine Nacht lag bei 157,- €. Dieses Wochenende sei eine Modeschau. Ich könne aber am PC nach einem günstigeren Hotel suchen, meinte die Kugelstoßerin hinter der Empfangstheke. Ich fand ein zwei Sterne Hotel für 67,- €, das mitten im Zentrum lag und sieben Kilometer weiter erreichte ich es. In Afrotown. Wenn es so etwas wie für Chinesen auch für Schwarze gibt. Ich hinterließ meinen Rucksack bei der Rezeption und ging erst mal einen ordentlichen Burger verhaften.

 

Als ich um 13 Uhr zum Hotel zurückkam, konnte ich auch schon mein Zimmer beziehen. „Es ist ja nur für eine Nacht“, dachte ich als ich das architektische Meisterwerk, das einer Versandverpackung glich, betrat. Ich ging erst mal duschen. Der erste ernstzunehmende Waschgang seit zwei Wochen fand in einer 60 auf 60 cm Kabine, mit garantierter Kopfanschlagtechnik beim Füßewaschen, statt. Ich verbrauchte die Hälfte des Adidas Waschgels. Im Anschluss wusch ich meine ebenfalls zwei Wochen nicht gewaschenen Klamotten. Es war ein Traum. Trotz schmerzender Fersen begab ich mich auf Erkundungstour. Paris erschlug mich. Man hätte stundenlang an Läden vorbeilaufen können. Es war gigantisch groß. Ich durchforstete ein paar Klamottenläden, kaufte aber nur einen Paris-Aufnäher, sowie Nike-Socken und Schuheinlagen, was ich beides wenig später wieder verlor. Wenigstens hatte ich ein Paar Socken gleich angezogen. Meine Füße schmerzten irgendwann so sehr, dass ich mich zum Hotel zurückbegeben musste. Desorientiert lief ich eine dreiviertel Stunde in die falsche Richtung. Als ich endlich fündig geworden war, entspannte ich kurz meine Füße und ging dann etwas essen. Da mir das Gequake der Enten am Vortag mächtig auf den Sack gegangen war, bestellte ich Entenbrust mit Roquefort-Soße, was mäßig schmeckte. Am Abend rief ich noch Jessie vom Hoteltelefon an, was mich wie sich später herausstellen sollte 25,- € kostete. Wenigstens konnten wir den Plan für den morgigen Tag besprechen. „So ein Fernseher ist wirklich etwas feines“, dachte ich mir tot im Bett liegend.

 

Der nächste Tag. Es war nicht mehr so todesheiß wie am Vortag. Nur noch 30 Grad. Haha. Ich packte meine getrocknete Wäsche ein und checkte aus. Den Rucksack hinterließ ich abermals bei der Rezeption und machte mich auf, um einen neuen Rucksack und einen neuen Schlafsack zu kaufen. Mein heißgeliebter Armeerucksack hatte den Geist aufgegeben. Viele Nähte waren gerissen. Es musste definitiv ein Neuer her. Ich passierte die Seine, sah den Eifelturm, Notre Dame, pompöse Hotels und andere gotische Bauten sowie eine ganze Reihe Outdoorshops, die zehn Minuten später öffnen sollten. Ich verabreichte mir den besten Cappuccino, den ich je getrunken hatte und kaufte mir einen neuen Deuter-Rucksack für 230,- € und einen Leistra-Daunenschlafsack für 150,- €. Glücklich und zufrieden lief ich zum Hotel zurück. Es war 15:00 Uhr. Höchste Zeit die Unterkunft zu switchen und Jessie und Luis in Empfang zu nehmen. Jessie hatte mir am Telefon mitgeteilt, dass Tromml und seine Freundin Nicy abgesagt hatten. Trommls Erkrankung schien doch schlimmer als erwartet zu sein. Meine Aussage, dass das Sieben-Personen-Apartment in der Nähe des Museumsviertels läge, erwies sich als falsch. Sieben Kilometer lief ich schwitzend durch die Innenstadt, bis ich es endlich erreicht hatte. Dort angekommen begrüßte mich die nette Vermieterin und zeigte mir die schnuckelige Bude. Jessie und Luis hätten ihr geschrieben, dass sie um 17:30 Uhr ankommen würden, und so war es auch. Das Wiedersehen war herzlich. Ich jumpte zur Hintertür heraus und umarmte die beiden. Die Vermieterin plauderte noch etwas mit uns und verließ uns dann. Ich holte erst mal die drei St. Stefanus ausm Kühlschrank, dass wir auf Luis Geburtstag anstoßen konnten. Einen Monat war es her, als wir uns das letzte Mal im Allgäu gesehen hatten und nun waren sie den weiten Weg nach Paris gefahren, um mich zu sehen. Geil! Wir schwätzen und soffen und freuten uns beieinander zu sein.

 

Als das Bier leer und das Organisatorische abgeschlossen war, gingen wir die Stadt unsicher machen. Es begann harmlos mit einem Gläschen Rosé. Wir erkundigten gemütlich die Straßen, erwarben drei Kronenbourg Dosenbiere und liefen Richtung Sacre Coeur, die sich ganz in der Nähe auf dem obersten Gipfel eines Berges befand. Wir blödelten herum, der Pegel stieg und die Leute stempelten uns sicherlich als Deutsche ab. Als wir die imposante Kirche erreicht hatten, bot sich uns ein gigantischer Ausblick über die Stadt. Baff kauften wir einem der vielen Südländern weitere Biere ab. Ein Dude spielte „Creep“ auf der Gitarre. Auf der Suche nach einer Toilette slidete ich mit Hilfe von Bier eine lange Treppe hinunter und pisste in einen Busch. Jessie und Luis taten es mir gleich. Hinter dem Busch. Erschöpft traten wir den Heimweg an, kauften noch ein und suchten dann eine Pizzeria auf. Die Besitzer waren ausgesprochen freundlich und die Pizza war heftig! Dicht und glücklich fielen wir ins Koma.

 

Ich erwachte früh. Es war vielleicht gerade mal sieben Uhr. Ich erhob mich und schaltete das erste Mal nach sechs Wochen mein Handy ein. 999+, sagte WhatsApp. Ich war erst mal beschäftig. Auf einmal schrieb mir mein Vater. Er müsste mir etwas sagen. Ich wusste sofort was los war und schrieb zurück: „Es geht um Jessy oder?“ Als die anderen beiden Trunkenbolde erwacht waren und ich Frühstück geholt hatte, schrieb er mir, dass sie am Freitag gestorben sei. Ihr Herz sei schwach gewesen, ihre Nieren hätten versagt, sie konnte nicht mehr aufstehen. Es wäre das Beste gewesen sie einzuschläfern, meinte der Tierarzt. Ich schluckte. Da aber heute der große Tag war, an dem wir Paris erkunden wollten blieb keine Zeit zum Trauern.

 

Ich schluckte den Klos im Hals hinunter und begann den Tag mit Kopfschmerzen vom Suff, Frühstück und ordentlichem Bierschiss. Jessie und Luis taten es mir gleich. Nie wieder Alkohol. Als Jessie vom Land der Schmetterlinge zurückkommen wollte, spielte ihr die alte Badtüre einen Streich und lies sich nicht mehr öffnen. Luis und ich versuchten sie mit Besteck zu befreien. Nach ein paar Minuten und einer kurz bevorstehenden Eskalation gelang es uns. Nach einem weiteren kleinen Debakel mit Jessies Pony und vielen Schlössern und Schlüsseln, die alle überhaupt nichts miteinander zu tun hatten, gingen wir endlich los. Der Weg zum Eifelturm dauerte ewig. Doch die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg dorthin waren jeden Schritt wert. Die Colonne Vendôme (Siegessäule), das Louvre, eine Straße mit Stripclubs, der Arc de Triomphe und allen voran die Opéra National - ein wahnsinniges Bauwerk! Kurz vor dem Tour Eiffel kauften wir ein gefühltes Kilo Gouda und andere Käse für schlappe 30,- €, sowie Baguettes und Olivenbrötchen, die der absolute Üüübershit waren!  Da ein kleines Schälchen Obst 7,- € aufwärts kostete, verzichteten wir darauf. Gerüstet für das bevorstehende Picknick vor dem Eichelturm steuerten wir los. Die Aggressionen waren vor lauter Hunger kaum noch zu unterdrücken. Endlich erreichten wir den 324 Meter hohen Eisenkoloss und verabreichten uns ein Festmahl der Extraklasse. Glücklich gefressen, musste ich erst einmal für ein paar Minuten die Äuglein schließen. Der Kater hatte es in sich. Da Jessie und Luis ebenfalls müde waren, fuhren wir mit der Metro zum Apartment zurück und legten uns für ein Stündchen aufs Ohr.

 

Am Abend gingen wir noch etwas essen, was unsere Stimmung wieder aufhellte. Luis und ich natzten Cheeseburger, Jessie einen Fejita oder so Ähnlich. Ein spanischer Wrap, der unsagbar gut war. Anschließend liefen wir noch durch die Gegend, kauften Frühstück (unter anderem Merguez!) ein und gingen zum Apartment zurück. Jessie und ich verzupften eine Flasche Rosé. Wir saßen noch eine ganze Weile draußen und plauderten über dies und jenes. Als Jessie müde wurde und zu Bett ging, kümmerte sich Luis (der alte Physiotherapeut) noch um meinen Krampf von Rücken. Es war schmerzhaft. Er gab mir auch noch ein paar gute Dehnübungen mit auf den Weg. Da Jessie meine Klamotten, unter anderen meine Buchsen, in die Wäsche geschmissen hatte, musste ich aufpassen, dass mein Sack dabei nicht herausfiel. Ein wenig Nachhilfe in Musiktheorie bekam ich auch noch. Quintenzirkel und so. Damit ich weiß welche Gitarrensaiten angespielt werden dürfen. Um drei Uhr gingen wir zu Bett.

 

Der Sonntagmorgen war stressig. Abreisen war angesagt. Wir packten zusammen, frühstückten (Luis war zum Bäcker gegangen) und gegen elf Uhr waren wir abmarschbereit. Auf dem Weg zur Metro tranken wir noch gemütlich ein Tässchen Kaffee und suchten die Zugverbindungen raus. Ein Stück des Weges fuhren wir gemeinsam, bis es wieder mal Abschied nehmen hieß. Jessiemäuschen schluchzte. Luis und ich beteuerten uns, wie sehr wir einander feiern würden. Ich stand vor dem Zug und winkte, bis er im Tunnel verschwand. Verwirrt suchte ich den Ausgang und anschließend meinen Bahnsteig, von welchem der Zug nach Persan abfahren würde. Mit Hilfe einer Informationsdame fand ich ihn und verpasste den Zug um eine Minute. Den nächsten, 30 Minuten später, erwischte ich. In Persan angekommen lies ich mir einen Baguette-Döner raus und fand ein Stück außerhalb einen Schlafplatz an der Oise (Fluss). Chillen war angesagt. Wie ich Polytopia vermisst hatte. Ein brutales Handygame. Im Zug hatte mir meine Schwester Jasmin die Lage in Ulm mitgeteilt. Jessys Tod hatte alle sehr mitgenommen. Meine Mam war wieder am selben Urlaubsort, wo sie vier Jahre zuvor, vom tragischen Tod ihrer Mutter erfahren hatte. Ihr war bestimmt miserabel zumute. Ich schaute in den Sonnenuntergang, sah die goldgelben Strahlen sich im Wasser spiegeln und gab mich der Trauer hin. Ich saß vor dem Zelt und beweinte eine Stunde den Tod meines Hundes, mit dem ich aufgewachsen war. Ich mommelte mich in meinen Daunenschlafsack und schlief ein.

 

Der Tag begann. Ich hatte keinen Bock. Ständig dachte ich daran meine Reise abzukürzen. Es half nichts. Im ersten Ort kaufte ich mir erst mal Snacks und frühstückte. Die Sonne war wieder mal sehr präsent und der neue Rucksack musste auch erst mal eingetragen werden. Meine Hüfte schmerzte nicht schlecht, lag doch das gesamte Gewicht darauf. Mit wenigen Gedanken und vielen Pausen gelangte ich an meinen Zielort. Einzig ein cholerischer Franzose ist hervorzuheben. Er fluchte und schrie wie ein Geisteskranker durch die Nachbarschaft, während er über die Baustelle in seinem Hof lief. Mehrere Minuten war er zu hören, bis ihn die Bäume des Waldes verschluckten. Ausgepowert fragte ich einen Mann nach Wasser. Er gab mir eine frische Flasche und als ich ihn nach einem Laden fragte, meinte er, dass er mich drei Kilometer bis nach Marine mitnehmen könnte. Ich willigte ein. Es war 1730 Uhr. Ich brauchte ein Logbuch, ein Lesebuch und andere wichtige Dinge, auf die ich keinen weiteren Tag verzichten wollte. Der Mann sprach zuerst auf Englisch, da er zuerst dachte ich sei Schotte und würde nach Deutschland laufen. Als ich ihm sagte, dass gegenteiliges der Fall war, redete er auf Deutsch. Der Sympathieträger setzte mich am Carrefour ab, wo ich mich bedankte und einkaufen ging. Englischsprachige Bücher gab es leider nicht. Ich aß Kirsch-Joghurt während ich das Logbuch updatete. An einem Feld außerhalb fand ich einen Schlafplatz. Ich war so müde, dass ich mich sofort schlafen legte. Nachts hörte ich plötzlich ein Knurren. Im Halbschlaf knurrte ich zurück. Keine Ahnung, ob das wirklich stattgefunden hat.

 

Heute Morgen war ich guter Dinge. Da es nachts etwas geregnet hatte, war es angenehm kühl. Ich setzte einen Haufen auf die Wiese, während ein Propellerflugzeug relativ nah über meinem nackten Arsch vorbei flog und packte zusammen. Unterwegs begegnete ich einem Reh, das in aller Seelenruhe über die Straße schwelgte und dort stehen blieb. Ich machte Lärm und als ich zügig näher kam trottete es, kurz bevor ein roter Wagen um die Ecke geschossen kam, unbeeindruckt in die Büsche. Nun ist es Mittagszeit und ich raste.