Der Duschvorgang


20.06.2017

Wischnipur

11:07 Uhr

Wetter: Brütend heiß, schon 30°, Bierabkühlung!

 

Liebes Logbuch,

 

ich sitze im Chacun sa Bière und genieße ein frisch gezapftes Maredsous blonde. Gegenüber befindet sich ein Diagonal Supermarché und zwei Bäckereien, die à toute heure geöffnet haben. Ich werde hier wohl den Tag verbringen und mich dem heißen Wetter entsagen müssen.

 

Als ich am Morgen des 18.06.2017 erwachte, war es beinahe Mittag. Die Hitze im Zelt war zu heavy geworden, um noch weiterschlafen zu können. Ich nahm also mein Buch zur Hand und legte mich samt Isomatte unter einen der Apfelbäume. Gute 100 Seiten später, es war Nachtmittag geworden, ging mir das Wasser aus. Die Cola im Zelt war coolerweise kühl geblieben, doch weit brachte mich das auch nicht. Im Anwesen des Champagner-Barons nebenan, war auch keine Menschenseele anzutreffen. Ich war also gezwungen noch einen kleinen Spaziergang zum nächsten Dorf zu machen, aber ich war völlig entspannt. Es war schließlich Sonntag. Der Spaziergang war nicht so entspannt, wie ich ihn mir erhofft hatte. Endlich fand ich einen Herrn mit einem äußerst schönen grauen Doggy, der mir meine Flaschen auffüllte und mir noch Kirschen anbot. Ich lehnte allerdings ab. Wie meistens, wenn mir jemand etwas Gutes tun wollte, warum auch immer. Die Frage beschäftigte mich noch eine Weile bis ich meinen Schlafplatz fand. Ich schiss hinter einen Sandhügel und entschied dann doch das Weite zu suchen. Die Sonne brannte immer noch unerbittlicher vom Himmel. Nebenbei ist es merkwürdig, dass es vom Nachmittag bis zum Abend am absolut heißesten ist. Nicht zur Mittagszeit, wie man es vermuten würde. Wenig später kurz vor Œuilly, schlug ich mein Zelt auf und las weiter. Als es dunkel wurde, legte ich mich schlafen.

 

Plötzlich schreckte ich auf. Ein Rascheln. Nach genauerem Hinhören, stellte ich fest, dass sich ein Tier an meiner Verpflegung, die am Baum hing, zu schaffen machte. Es war zu dunkel, um zu erkennen was es war, aber ich schreckte es auf. Als ich energisch näherkam, flüchtete es. Ich schimpfte hinterher, packte meinen Zipfel aus und markierte mein Revier. Schnaubend lief ich in langen Unterhosen wieder zum Zelt zurück und begab mich zu Bett.

 

Der Tag Pause hatte mir gutgetan. Dennoch war es dringend an der Zeit mich zu waschen. Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun, Syphilis zu bekommen. Ich schlenderte los. Der Ausblick auf die umliegenden Weinberge war krass, vor allem am gestrigen Abend, als der Himmel bunt gefärbt über den Lichtern des gegenüberliegenden Dorfes stand. Ich marschierte eine Weile, kaufte unterwegs Baguettes und fand endlich einen Ort, um meinen Scheißbollen abzuladen. Dafür war die Überwindung mehrerer Brenneseln nötig. Das Hähnchen-Baguette musste raus. Im nächsten Dorf fand ich ein Champagneranwesen, mit dem Aushängeschild „Ouvert“. Ich musste meine Wasserflaschen füllen. Die Tür war verschlossen, doch öffnete mir eine ältere Frau, die mir nicht meine Flaschen füllte, sondern mir direkt zwei neue anbot und mich zum krönenden Abschluss noch fragte, ob ich eine Dusche nehmen wolle. Und wieder mal war ich gerettet. Ich bejahte die Frage und süffte hinter der alten Madame her. „Comme un nouveau gen“, sagte ich hinterher. „Comme une nouvelle person“, verbesserte sie mich und lachte. Ich bedankte mich herzlich und zog weiter.

 

Die Sonne war unerbittlich. Ich schwitzte wie ein Schwein. In einer Stadt angekommen, fragte ich einen Behinderten, ob er wüsste wo der nächste Supermarkt wäre. Er sagte etwas von Ja und ich solle ihm folgen. 200 Meter weiter, erreichten wir den großen Laden, wo ich mich bedankte und mich eindeckte. „Ich hab ihm den Weg gezeigt“, sagte er stolz zur Kassiererin. Und einen Döner musste ich mir rauslassen, als ich an einem vorbeilief. Als ich einen Schattenplatz gefunden hatte und die Alufolie entpackte, sah ich, dass der Döner mit einem Baguette, statt dem herkömmlichen Fladenbrot zubereitet war. Diese Franzosen. Im nächsten Ort stieß ich sogar auf einen Baguetteautomaten. Als ich erschöpft nach vielen Pausen meine 25 Kilometer absolviert und einen Schlafplatz neben einer Koppel gefunden hatte, ließ ich mich nieder. Mein Buch war fast zu Ende gelesen. Zehn Seiten fehlten noch. Nachts hatte ich wieder böse Paranoia und schlechte Träume. Als ich mir noch eine Magnesiumtablette einschmeißen wollte, bemerkte ich, dass der Hirschtalg ausgelaufen war und all meine Kosmetika nun gut eingefettet waren.

 

Das GPS klingelte. Von 6:00 bis 7:50, bis ich mich erhob. Die gestern frisch eingelegten neuen Batterien waren zu 80 Prozent entleert. Meine Socken und mein Shirt, das ich zum Trocknen aufs Zelt gelegt und nicht mehr reingeholt hatte, war dank des Morgentaus, wie das Zelt auch, klatschnass. Ich packte schnell zusammen, wissentlich, dass es heute noch heißer werden sollte als gestern und spurtete los. Als das Loch im Magen sich bemerkbar machte, rastete ich. Pünktlich um 11:00 Uhr hatte ich gute zehn Kilometer absolviert und war am Zwischenziel, der größeren Stadt Château-Thierry angekommen.

 

Nun ist es 12:14 Uhr, das Thermometer steht bei 31° und die zweite Bier-Order läuft.