Die Champagne


17.05.2018

Wischnipur

21:17 Uhr

Wetter: Sonne geht grad unter, daher angenehm kühl

 

Ich leerte das Heineken und verließ Châlons-en-Champagne mit einigermaßen guter Laune. Davor allerdings schaute ich noch bei einer Apotheke vorbei und lies meine blutgefüllte Blase untersuchen. Ein widerwertiger Gestank stieg mir in die Nase, als ich meinen Socken auszog. Die Apothekerin hielt Abstand und lies sich nichts anmerken. Die Arme. Man musste nur darauf achten, dass sich nichts entzündete. Rot umrandete Blasen oder sichtbare Adern seien gefährlich. Also alles gut.

 

Dass Tromml es nicht schaffte wie geplant weiterzulaufen, machte mir allerdings doch ungute Gedanken. Doch irgendwann hatte ich mich damit abgefunden, alleine zu laufen und genoss es, mich nach niemandem richten zu müssen. Ich lief noch ca. fünf Kilometer am Kanal entlang und bog dann links in eine Hecke ab, wohinter sich erneut ein äußerst schöner Spot zwischen zwei weiten Feldern fand. Ich baute das Zelt auf und las mein Buch weiter, bis es dunkel wurde. Zwischendurch stach ich die Blase auf. Alles steril selbstverständlich. Blut rann mir über den Fuß. Es war wunderschön. Als es dunkel wurde ging ich zu Bett. Ach ja: Einen Fuchs habe ich gesehen.

 

Am nächsten Morgen gingen mir die tausend kleinen Käfer, die sich auf meinen Sachen niederließen tierisch auf den Sack. Eigentlich hatte ich sie als Homies eingestuft. Der weitere Weg am Kanal entlang war ziemlich schön. Schöner als bisher. Ich machte hier und da in Dörfern halt, um Fraß und Trunk zu besorgen. Erwähnenswert war die Metzgerei, hinter deren Theke eine komplette, gehäutete Kuh hing, die es nur noch galt, abgeschoren und gefressen zu werden. Ich muss gestehen, dass es über den Tag nicht allzu viel zu berichten gibt. Ich war wie immer extrem in Gedanken vertieft. Als ich meine 20 Kilometer Luftlinie erreicht hatte und mein linker Fuß immer wieder ziemlich heftig stach, ließ ich mich neben dem Kanal nieder, wo ich eilig mein Zelt aufbaute. Ich aß meinen Nudelsalat, schiss ungemütlich hinter eine Erhöhung des Geländes und las mein Buch weiter, bis es dunkel wurde.

 

Den nächsten Tag verschlief ich und als ich um 12:17 Uhr in Ay ankam, hatte die Apotheke bereits seit zwei Minuten geschlossen. War ja klar. Die nächste Stadt war allerdings nur fünf Kilometer weiter. Dort angekommen kaufte ich ordentlich ein, auch für den darauffolgenden Sonntag, unter anderem Magnesiumtabletten. Anschließend vernaschte ich noch eine Pizza Royal für zwölf Euro, die keine zwölf Euro wert war und ich daraufhin auch kein Trinkgeld für angemessen hielt. Weiter ging es einen kleinen Mount Everest hinauf. Doch wie es bei Bergen so üblich ist, entschädigte der Ausblick den Aufstieg. Ich war nun endlich in der Champagne angekommen. Weinberge, soweit das Auge sah. Hinter mir die Stadt aus der ich kam. Endlich hatte ich den langweiligen Kanal hinter mir gelassen. Doch damit begann auch das Navigieren wieder. Die kleinen Dörfer, durch die ich kam, waren wunderschön. Auch die Aussicht blieb schön. In einem Dorf traf ich eine englische Familie, mit der ich ein Schwätzchen hielt. An einem Wasserspender wusch ich mir endlich mal wieder die Hände und das Gesicht mit Seife. Langsam wurde es mal wieder Zeit für eine Dusche. Neben einem Anwesen der Champagner-Barone, fand ich ein nicht eingezäuntes Terrain mit Apfelbäumen, wo ich beschloss mein Zelt zu errichten. Vielleicht würde die Champagner-Baron-Tochter, die mich freundlich beim vorbeigehen gegrüßt hatte vorbeischauen. Als ich mein Buch aufschlug, um zu lesen hörte ich es plötzlich grunzen. Erschrocken schaute ich aus dem Zelt (es war noch hell) und erblickte ein Reh mit Asthma. Kein Scheiß. Es hatte mich nicht bemerkt und näherte sich bis auf fünf Meter. Irgendwann erschrak es und verschwand. Aufgrund des kurzen Schreckmoments, der mich an das Debakel mit dem Wildschein erinnerte, packte ich meine Fressalien und lagerte sie außerhalb auf einem der Apfelbäume. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.