Das Wunder


12.06.2017

Wischnipur

21:15 Uhr

Wetter: Ziemlich windig

 

Liebes Logbuch,

 

aus dem Vorsatz Französisch zu lernen wurde nichts. Nachdem der kack Zug drei Mal mit ohrenbetäubendem Lärm vorbeigedüst war, wurde es mir zu blöd. Ich suchte mir einen anderen Spot und fand ihn auf einem verlassenen Grundstück, ca. 200-300 Meter weiter, auf welchem Kieshäufen lagen. Vermutlich ein ehemaliges Zwischenlager dafür. Ich schlug also mein Zelt auf und las das englische Buch, bis es so dunkel war, dass sich nichts mehr erkennen ließ. Ich legte mich also schlafen. Die Temperaturen waren wieder grenzwertig. Ich erwachte in einem von der Sonne erhitzten Zelt am Sonntagmorgen und wusste irgendwie, dass es kein guter Tag werden würde. Eigentlich wäre mein Ruhetag gewesen, da ich seit Montag unterwegs war. Da der Spot aber mehr als bescheiden war und ich dummerweise auch noch einen Haufen viel zu nah vors Zelt gesetzt hatte, musste ich weiterziehen. Verzweifelt suchte ich einen Spot, eine Bank, ein Sonstetwas. Ich fand einen Scheißdreck. Die Sonne knallte mit 35° vom Himmel. Es war zum kotzen. Ich hatte mich eigentlich aufs Chillen eingestellt und jetzt lief ich mit aufgeweichten, blutenden Füßen durch die kack Sahara. Incroyable!! Ich fand mich damit ab, den Tag Pause wohl doch auf den nächsten Tag verschieben zu müssen. Also lief ich. Als ich rastete, fiel mir die Suchfunktion des GPS auf. Ich konnte mir das nächstgelegene Schwimmbad anzeigen lassen. Es war nur sieben Kilometer Luftlinie entfernt. Ich war schon ca. zehn Kilometer LL gelaufen. Die perfekte Tagestour also. Ich lüftete meine Socken und Füße aus und humpelte weiter. Die Sonne knallte. Ich musste mich immer wieder davon abhalten in den Kanal zu springen, da sich meine Wunden bestimmt entzünden würden. Als ich endlich um ca. 16:00 Uhr in Sermaize les Bains am bekackten Schwimmbad ankam, war es selbstverständlich geschlossen. Auch an Montagen. Es war zum Heulen. Frustriert humpelte ich das kleine Stück Straße weiter bis zum Wald, wo ich mich erschöpft niederlies. An Sonntagen gehen ja die wenigsten Leute ins Schwimmbad. Wäre ja auch zu heiß bei 35°!!! Hurahagel!!!

 

Ich wusste nicht weiter. Zumindest musste ich einen Schlafplatz finden, um den Dreckstag hinter mich zu bringen. Wasser hatte ich auch keins mehr. Ich fragte also beim nächsten Haus einen Mann, der im Garten stand, ob er Wasser hätte. „Oui“, meinte er und bat mich herein. Als er mir Wasser gab fragte er, ob ich schon wüsste, wo ich schlafen würde und ob ich seinen Garten in Anspruch nehmen wolle. Da ich völlig im Eimer war, antwortete ich kurz daraufhin mit „D’accord“ und pflanzte mich zu ihm an den Gartentisch.

 

Er bot mir Getränke und Früchte an, unterhielt sich geduldig mit mir, sprach immer wieder Sätze in den Google-Translator und zeigte mir seine Haustiere. Er hatte fünf Hennen. Eine wurde am Vortag vom Fuchs gestohlen. Eine Katze hatte er auch, namens Noisette. Viele, viele Wellensittiche und natürlich Hercule, einen sprechenden Vogel. Er pfiff Dominique (so hieß der freundliche Mann) nach, sobald es dieser tat. Drolliges Kerlchen. Als Dominique ihn aus dem Käfig nahm, sprang der Vogel auf meinen Kopf und fing an wie wild darauf herumzuhacken. Das Drecksvieh. Dominique meinte er würde sogar die Rinder attackieren, die gleich nebenan grasten. Incroyable. Als Hercule abermals extrem laut pfiff, sagte ich: „Ja, isch ja gut.“ Lustigerweise wiederholte er es. Ich musste lachen. Der Vogel war 20 Jahre alt, konnte fünf Sachen sagen und nun auch „Ja, isch ja gut“.

 

Dominique und ich unterhielten uns den ganzen Abend. Er legte sogar Merguez und Fleisch auf den Grill und lies mich mit Tromml telefonieren. Es war der Wahnsinn. Ich konnte auch endlich eine Dusche nehmen und als er mir schließlich anbot auf der Couch zu nächtigen, konnte ich auch nicht mehr nein sagen. Ich war gerettet. In allen Belangen. Was für ein Wunder. Eine wunderbare Fügung. Ich betonte oft genug, wie dankbar ich Dominique sei und ging zu Bett.

 

Am nächsten Morgen erwachte ich und Dominique fragte: „Dejeuner?“ Ich sagte: „Oui, merci.“ Wir tranken Kaffee und die halbe Nachbarschaft schaute vorbei. L’Allemand sprach sich schnell herum. Mein Französisch wurde auch merklich besser. Bald verstand ich jedes Wort. Dominique meinte, als seine Tante sich mit vier Schmatzern von mir verabschiedet hatte, dass er um 10:00 Uhr arbeiten gehen müsste, ich aber gerne hier meinen lauffreien Tag verbringe könne. Ich willigte ein. Er überließ mir sogar den Haustürschlüssel. Sein Vertrauen machte mich wirklich sprachlos. Vor allem, da in letzter Zeit im Dorf viel geklaut wurde. Besteck aus der Kirche wurde entwendet, Autos, sogar eine Kuh wurde enthauptet und das Fleisch ausgeschlachtet. Ich verbrachte also den Tag vor dem Internet. Zwischendurch kam seine zweite Tante vorbei und brachte Erdbeeren. Nachdem ich meinen Bekannten die News mitgeteilt hatte, begab ich mich ans Lernen und ging noch einkaufen. Anschließend bereitete ich Pancake-Teig vor.

 

Als ich zwischendurch aus dem Haus kam, waren zwei der Hennen außerhalb des Geheges, auf die Weide der Kühe gelangt. Ich nahm einen Stuhl und stellte ihn neben den Stacheldrahtzaun, um hinüber zu klettern. Die Hühner liesen sich aber nicht fangen, sondern krochen unter dem Zaun zurück ins Gehege. Ich legte Holzscheite an die Stelle, um einen erneuten Ausbruch zu verhindern. Bon. Als ich zurück über den Zaun klettern wollte, brach ich in den Stuhl ein. „Oh Mann“, dachte ich. Aber als ich Dominique die Tat stand, musste er nur lachen. Ich machte Pancakes und wir unterhielten uns über dies und jenes. Morgen früh kommt seine Schwester zu Besuch und ich muss um 10:00 Uhr aufstehen.