Der Gewaltmarsch


02.06.2017

Wischnipur

20:44 Uhr

Wetter: Nieselt leicht

 

Tja was soll ich sagen… Ich sitze im Wartebereich des Lunéviller Krankenhauses. Ich weiß nicht ob es an meinem hohen Konsum diverser Desinfektionsmittel liegt, aber meine Wandergefährten vertragen die Reisen weniger gut als ich.

 

Als wir heute Morgen in Badonviller gegen 09:00 Uhr aufbrachen, war Trommls Durchfall passé. Er sei über den Berg, meinte ich noch. Wir erfuhren nach ca. sieben Kilometern, dass es wohl zwei Badonvillers gab. Eines davon mit Apotheke und Supermarkt. Wir waren natürlich im anderen. Wie könnte es auch anders sein. Die nächste Einkaufsmöglichkeit war entweder in einem Ort, der drei Kilometer abseits unserer Route lag oder in Lunéviller. Wir entschieden uns den weiten Weg nach Lunéviller zu wagen, was vermutlich die fatalste Entscheidung unseres Trips sein sollte. Nach drei weiteren Kilometern Luftlinie, erwarben wir bei einer Metzgerei vorsorglich Wiener (Knackis), falls wir es nicht bis zum Zielort schaffen sollten. Da Tromml das Zwiebackessen leid war, speiste auch er davon. Und dann…

 

Wir starteten einen Gewaltmarsch und spurteten zehn Kilometer Luftlinie in kürzester Zeit. Meine Zehen begannen zu bluten. Ich musste sie notdürftig mit Pflastern und Tape verarzten. Auch Trommls Verfassung wurde schlechter. Anscheinend waren die Wiener keine gute Idee gewesen. Seine Diarrhoe meldete sich zurück. Ein Marsch dieser Art, war für beide von uns mehr als grenzwertig. Ich musste mich öfter auf den Boden legen, um die Schmerzen an den Füßen abklingen zu lassen. Nach insgesamt 40 Kilometern Fußweg, erreichten wir völlig fertig endlich den Netto in Lunéviller. Ich blickte Tromml an und bemerkte erst jetzt, dass er in miserabler Verfassung war. Er war die ganze Zeit vor mir her gespurtet, sodass ich keine Zweifel an seinem Wohlbefinden hegte. Ich besorgte Verpflegung, während er vor dem Laden wartete. Als ich wieder herausgehumpelt kam, sah er mich kreidebleich an: „Ruf den Notarzt!“ sagte er. Als mir bewusstwurde, dass er es tatsächlich ernst meinte, versuchte ich eine Nummer zu erfragen. Schließlich fand ich einen netten Spirituosenverkäufer, der sogleich zum Telefon griff. Die Verständigung gestaltete sich schwierig, doch schließlich hieß es: „Ambulance, dix minutes.“ Tromml war völlig außer sich, stieß sich den Kopf und musste sichtlich versuchen die Panik zu unterdrücken. Er bekam schlecht Luft. Ich versuchte ihn einzurenken. Nach einer gefühlten Ewigkeit erschien der Krankenwagen. Die Verständigung war wieder katastrophal. Letzten Endes verstanden sie aber die Problematik, holten das Ok des Chefs per Handy ein und ab gings ins Hospital.

 

Tromml wurde auf einem Rollstuhl in den Patientenbereich geschoben. Das war vor ca. drei Stunden. Hoffentlich müssen wir nachher nicht auch noch einen Schlafplatz aufsuchen. Ich bin fix und fertig. Und die Orangina Dose lacht mich die ganze Zeit an. Ach ja: Vorher hat ein zutraulicher Schmetterling erst auf meinem Wanderstock, dann auf meinem Hut Platz genommen. Ich liebe ihn.