Der Philosoph


21.06.2018

Wischnipur

12:54 Uhr

Wetter: Schwül

 

Hi Loggi,

 

ich war gestern ganz schön dicht. Die vier Biers plus Sonne und Anstrengung gingen ab. Ich fetzte noch ein Despo und später ein Heineken auf dem Boden, unter dem Schatten eines Baumes. Dabei schrieb ich halluzinierend folgende Worte nieder:

 

 

"Selbstfindungstrip. Ich dacht ich find irgendwas. Dabei hab ich mich nur betrunken. Seelenlos drift ich durch die Atmosphäre und entdecke dabei neue Biersorten. Barbar zum Beispiel. Starkbier mit Honig. Ich fühl mich, als würde ich mit links schreiben. Warum gibt es in Frankreich keine Telefonkabinen? Gibt es noch Telefonkabinen? Mein Heineken ist aufgeplatzt. Die Hälfte davon ist trichterartig in meine Seele übergegangen. Den Rest hab ich so getrunken. Franzosen leisten schlampige Arbeit. Hier ist alles dreckig, genau wie ich es mag. In meiner Unvernunft habe ich den halben Nekita Rhum in den Mülleimer geschmissen. Das Dreckszeug war nicht mal zum kochen gut. Ich wette Tromml hätte es mir gleich getan…"

 

 

Zuvor kaufte ich noch ordentlich ein. Einen Penner fragte mich noch nach etwas Geld für eine Coka. Ich schenkte ihm noch das alte Brot, das ich nicht mehr wollte, plus meine dreiviertel leere Nutella. Eigentlich wollte ich das heiße Wetter abwarten und abends weitermarschieren. Leider fand ich mal wieder keinen schattigen Platz und so lief ich betrunken weiter. Wenn man betrunken ist, schwitzt man weniger, habe ich festgestellt. Warum? Ich lief den kompletten weiteren Weg an der Straße entlang. „Verfluchtes Navi“, fluchte ich immer wieder. Autos schnellten vorbei. Es war wirklich nicht besonders geil. Als ich abends völlig fertig und wieder nüchtern eine Wiese unter Bäumen fand, legte ich mich relativ zügig schlafen, nachdem ich „In Cold Blood“ fertiggelesen hatte. Gutes Buch.

 

Ich erwachte früh. 7:30 Uhr muss es gewesen sein. Die Nacht war ruhig. Froh so früh wach geworden zu sein, erhob ich mich müde und packte zusammen. Zu meiner Freude saß ein Häschen 20 Meter vor meinem Zelt. Dasselbe Häschen sah ich ca. fünf Kilometer später wieder. "Ob ich ihm in den Kaninchenbau folgen soll?" Doch die schwüle Hitze war zu mörderisch für derartige Umwege. Ich schwitzte und fluchte was das Zeug hielt. Die Hälfte der Strecke ging es wieder an der Straße entlang. Die wenigen Dörfer, die ich kreuzte, waren winzig und schienen verlassen. Der Horizont war oftmals nur wenige 100 Meter entfernt, was mir das Gefühl gab, das Ende der Welt erreicht zu haben. „Urlaub“, dachte ich, „Ich brauche Urlaub“. Ich war nun seit etwas mehr als einem Monat unterwegs und hatte noch zwei Drittel der Strecke vor mir.

 

Es ist erstaunlich, wie wenig man den Komfort einer Toilette, einer Dusche, eines Kühlschranks, Betts, Fernsehers, sauberer Kleidung oder gar eines Wasserhahns wertschätzt. Alles Dinge, die das Grundbedürfnis des Menschen befriedigen und deren Beschaffung für einen Wanderer, wenn überhaupt möglich, wahnsinnig aufwändig ist. Ich dachte ich wäre der letzte, dem Öz etwas anhaben könnte, aber wenn man 14 Tage durchschwitzt, in denselben Klamotten schlafen muss, um nachts nicht zu frieren und keine Gelegenheit hat sich zu waschen… Immer wieder wische ich abgeriebene Hautfetzen von meinem Unterarm. Die Augen brennen, wegen des Schweißes. T-Shirts sind weiß vom Salz, sowie die Trageriemen des Rucksacks. Man schläft auf Insekten, läuft auf Insekten, isst Insekten und dennoch – Das Gefühl von Freiheit überwiegt.